Transformation der Tüten und der Strechfolie

Patricia Kranz setzt sich in ihren Arbeiten mit einem populären Gebrauchsgegenstand der heutigen Zeit auseinander – Plastiktüten, fester Bestandteil der Kultur, die zugleich sinnbildhaft den Warenfetisch der Postmoderne verkörpern.

Mithilfe divergenter Techniken lässt sie aus den ebenmäßigen Folien farbige Objekte wachsen, wobei die ehemals glatte Oberfläche der Tüten aufgebrochen und ihrer selbst entfremdet wird.

Die Künstlerin bedient sich der reichhaltigen Palette der bedruckten Tüten und begreift ihre Arbeitsweise sowohl als malerische wie auch als bildhauerische.
Auf diese Art und Weise entwickelt sie individuelle Formen und Farbgebungen, wobei Letztere Verwandtschaft zu informellen Kunstströmungen aufweisen.

In einem ausgefeilten Schmelzprozess transformiert sie das Material in ihre hochgradig filigranen und skulpturalen „Netzwerke“, deren künstlerische Materialität und zugleich biomorph anmutende Formgebung ständig auf das Spannungsverhältnis zwischen Artifiziellem und Natürlichem verweisen.

In thematisch wie formal engem Bezug zu diesen Arbeiten stehen die so genannten „Tassels“, die eine weitere Gruppe aus Patricia Kranz Werkspektrum darstellen.
Der Begriff „Tassel“, deutsch Quaste, verweist hierbei auf eine ursprüngliche, von der Künstlerin abgewandelte Handarbeitstechnik, mithilfe derer sie den kompakten, plastischen Objekten ihre subtil anmutende, plüschartige Oberfläche verleiht.
Im Gegensatz zu der gewebeartigen Struktur der „Netzwerke“ zeichnen sich diese Arbeiten insbesondere durch eine dem Massenprodukt adäquaten Form der Verdichtung aus.

In der Werkgruppe „Moult“ bedient sich Patricia Kranz nun der Stretchfolie, die üblicherweise zum Verpacken gestapelter Palettenware genutzt wird und ebenso wie Plastiktüten aus Kunststoff besteht. Den Skulpturen liegen Abformungen von Gegenständen aus Natur und Alltag wie beispielsweise Ästen, Steinen oder ausrangierten Autoteilen zugrunde. Während einige der Arbeiten noch auf ihren Ursprung verweisen, haben sich andere in bizarre Objekte verwandelt, deren Körperhaftigkeit durch die schwarze Stretchfolie hervorgehoben wird.

In ihrer aktuellsten Werkgruppe „Fotografie“ begibt sich die Künstlerin in den Bereich der Zweidimensionalität. Ausgangspunkt und Motiv bilden die Objekte der „Netzwerke“, in die die Künstlerin mit einem Makroobjektiv hineinfotografiert. Bei den organischen, Wände und Böden überwuchernden Skulpturen stand zuvor noch die Gesamtschau im Mittelpunkt, nun rückt das Detail in den Fokus der Aufmerksamkeit. Durch die starke Vergrößerung treten die spezifischen Eigenschaften des Materials hervor. Es werden Rasterpunkte der Druckverfahren sichtbar, manchmal auch Schriftzüge, einzelne Buchstaben oder Ausschnitte von Bildern und Symbolen aus der Werbewelt. Diese Details bleiben jedoch untergeordnet. Der Künstlerin geht es um die Suche nach abstrakten Bildern mit malerischen und grafischen Qualitäten. Dabei werden die sinnlichen, durch Schmelzverfahren zuvor verfremdeten Oberflächen der Tüten erneut, dieses Mal aus fotografischer Perspektive, befragt und transformiert.

Text von Hannah Schraven